Fröhliche Weihnachten?

 

Das ist sicher schon die 16. Karte, die ich hier schreibe. Doch erst bei dieser Karte an Gabi und Klaus fällt mir auf, was ich hier eigentlich mache. Oft schreibt man ja die Weihnachtskarten, weil „es“ alle machen und weil „man“ das so macht. So ging es bei mir bis gerade eben auch. Auf der Vorderseite jeder Karte steht „Fröhliche Weihnachten“. Ob man das auch falsch auffassen kann? In dieser Zeit ist doch eher Hektik und Stress angesagt als besinnliche und vor allem „fröhliche“ Weihnachten, oder?

Wenn ich mir vorstelle, dass die hochschwangere Gabi mit ihren drei Kindern in dieser Zeit durch Kaufhäuser und auf den Weihnachtsmarkt, zur Feier der Kindergartengruppe, zur Weihnachtsfeier der Schule hetzen, vieles mehr vorbereiten und dann auch noch unbemerkt Weihnachtsgeschenke kaufen muss – alles andere als besinnlich und fröhlich. Da kann eine solche Karte vielleicht doch ein wenig am realen Leben vorbei gehen. Ja, wenn das wie vor 2000 Jahren alles ruhig und gemächlich vonstatten gehen könnte…


Erinnern wir uns:

Dem fleissigen Zimmermann Joseph flattert die Nachricht ins Haus (vermutlich eine Art gesprochenes Einschreiben), dass er sich aufmachen muss in seinen Heimatort, weil er an einer Volkszählung teilnehmen muss. Wie das bei den Politikern so ist, hatte sich der Kaiser mal was Neues ausgedacht, um herauszufinden wieviele Untertanen er in Zukunft zu schröpfen hatte und dabei war ihm egal, was seine Untertanen von dieser irrwitzigen Idee hielten.

Joseph konnte das überhaupt nicht gefallen haben. Er hatte noch jede Menge Arbeit liegen und die müsste ja erst mal fertig werden. So legte er sich noch ein paar Tage ins Zeug, um möglichst Vieles zu schaffen und seine Kunden zufrieden zu stellen. Ausserdem konnte er das Geld für die lange Reise gut gebrauchen.

Seine schwangere Frau Maria war unterdessen vollauf damit beschäftigt alle wichtigen Dinge für die Reise vorzubereiten und den Haushalt herzurichten, damit sie nicht erst alles erledigen müsste, wenn sie wieder zurück waren. Es waren schliesslich ein paar Tage zu reisen.

Dann machten sie sich auf. Ab in den ICE – ach nee, den gabs ja noch nicht. Auf den Esel, jedenfalls Maria. Und Josepf lief. Den langen Weg durch die Wüste von Nazareth nach Behtlehem. Da waren heisse Tage und kalte Nächte an der Tagesordnung. Immer wieder neu auf die Situation einrichten. Über Tage unterwegs.

Dann endlich die Ankunft in Bethlehem. Jetzt nur noch ins Hotel und erst mal richtig ausschlafen. Nur – Vorbestellung eines Hotelzimmers gab es nicht. Wer zuerst kam, schlief zuerst. Den ganzen Tag bis spät in die Nacht haben Maria und Joseph nach einem freien Zimmer gesucht, aber es gab keines mehr. Andere sind schneller und somit früher da gewesen.

Erst sehr spät abends gab ihnen ein netter Vermieter den Rat, doch die Nacht im Stall zu verbringen. Da wäre es nicht so kalt und sie hätten zumindest ein Dach über den Kopf. Maria und Joseph waren einverstanden. Besser als wieder im Freien zu übernachten war es allemal. Der Vermieter führte sie auf ein Feld am Rande von Bethlehem und zeigte ihnen den Stall, der sie aufnehmen könnte.

Ich kann mir gut vorstellen, wie Marias flinke Hausfrauenhände es schafften, aus dem dreckigen Stall eine einigermaßen erträgliche Unterkunft zu zaubern, während sich Joseph bemühte die Tiere etwas abseits zu halten und Schlafstellen zu bauen. Dann endlich Ruhe und Zeit zu entspannen und zu schlafen.

Und dann kam Maria: „Du, Joseph, ich glaub das Kind kommt“. Wie jeder werdende Vater ist wohl auch Joseph in den nächsten Stunden zwischen Freude und Verzweiflung verwirrt durch und um den Stall gelaufen, immer in der Sorge, was denn nun geschehen und ob alles gut verlaufen würde. Maria wird ihm wohl immer wieder gut zugeredet und ihn mit wichtigen Aufgaben betraut haben, während sie selbst mit der Geburt vollauf beschäftigt war.

Und dann war er da. Ein Knabe. Und Zimmermann Joseph nahm sich die Krippe vor und machte daraus eine Schlafstätte für das Kind. Maria wickelte das Kind in Tücher und Decken und legte es in die Krippe. Welch ein Glück muss das für die beiden gewesen sein. Die lange Reise, die fast verzweifelte Suche nach einer Unterkunft und jetzt war alles wie weggeblasen und übrig blieb nur das Glück dieser Familie mit dem neugeborenen Kind. Jetzt war endlich alles, wie es sein sollte und sie konnten sich ausruhen.

Endlich Ruhe.

Und plötzlichdonnert es an die Stalltüre und wild durcheinander schreiende Stimmen durchdringen die gerade erreichte Stille. Laut polternd schaffen sich ungehobelte Schafhirten Zugang zum Stall und erklären sie müssten unbedingt das Kind sehen. An Josephs Stelle wäre ich vermutlich jetzt ausgerastet!

Doch die Geschichten, die die Schafhirten erzählen klingen so unwahrscheinlich und großartig, dass für Wut keine Zeit bleibt. Dieses Kind soll etwas ganz Besonderes sein. Mal abgesehen davon, dass wohl jedes Elternpaar sein Kind für etwas Besonderes hält, soll dieses Kind der Messias sein. Der lang ersehnte Heilsbringer.


Jeder von uns hat sicher seine eigene Sicht auf diese Geschichte und welche Relevanz, welche Bedeutung, sie für ihn und sein Leben hat. Ob man christlich-religiös dieser Geschichte eine Bedeutung für den eigenen Glauben beimißt; ob man andersgläubig die Geschichte zwar kennt, aber für den eigenen Glauben nicht anerkennt; ob man mit Glauben und Religion gar nichts am Hut hat; Weihnachten, also die Geburt des Jesus von Nazareth ist überall auf der Welt ein Grund Frieden und Besinnlichkeit zu fordern und zu finden.

Und wenn wir uns die Geschichte in der Art anschauen wie ich es dargestellt habe, dann sind wohl Ruhe und Besinnlichkeit etwas, das mit der Hektik unserer Tage gar nichts zu tun hat. Die Ruhe und Besinnlichkeit der Weihnachtstage, die fröhliche Weihnacht, sind Dinge, die in unserem Herzen stattfinden – losgelöst von aller äußerer Hektik, von Geschäftigkeit, Religion und Politik.

Ich werde jetzt die restlichen Karten weiterschreiben, in dem Wissen, dass Weihnachten doch das Fest der Ruhe, Besinnlichkeit und Fröhlichkeit ist.

Fröhliche Weihnachten!

Ihr Hans-Peter Weyer

(c) 2015 Hans-Peter Weyer

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